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Karsten Lehmann: Migrantenvereine in deutschen Kommunen

Ihre gegenwärtige und zukünftige Bedeutung


Gegenwärtig leben in der Bundesrepublik Deutschland etwa 7,3 Millionen Migranten – sie sind aus dem Stadtbild sowie dem kulturellen Leben nicht mehr wegzudenken. Ein bedeutsamer Teil dieser Migranten hat sich im Rahmen des deutschen Vereinsrechts organisiert. Die so entstandenen eingetragenen Vereine werden nachhaltig von der (direkten oder indirekten) Migrationserfahrung ihrer Mitglieder geprägt und sollen hier als "Migrantenvereine" bezeichnet werden.

Aktivitäten und Ziele

Die ersten Migrantenvereine entstanden Anfang der 70er Jahre. Im Verlauf der folgenden Jahrzehnte entwickelte sich dann eine weit verzweigte Vereinslandschaft mit Vereinen unterschiedlicher Prägung. Seit dem Beginn der 90er Jahre lässt sich schließlich ein ansteigendes Engagement der Vereinsmitglieder jenseits der Communities beobachten, welches bis in die Gegenwart weiter zunimmt.

Trotz der daraus resultierenden Zusammenarbeit mit relevanten Institutionen und Persönlichkeiten der deutschen Gesellschaft bleiben die Migrantenvereine bislang von der weiteren Öffentlichkeit weitgehend unberücksichtigt. Selbst bei Personen, die mit den Migrantenvereine enger kooperieren, besteht außerdem meist eine gewisse Unsicherheit über ihre konkreten Aktivitäten und Ziele. Die Mehrzahl der Beobachter sieht sich außer Stande, die rapide fortschreitende Entwicklung der Vereinslandschaft im Blick zu behalten und die konkreten Strukturen des Vereinshandelns innerhalb der Migrantenvereine zu verstehen.

Auch die sozialwissenschaftliche Forschungslage beginnt sich erst seit einigen Jahren zu verbessern. So entstand zwischen 1997 und 1999 eine Untersuchung der Migrantenvereine in einer süddeutschen Großstadt (‘Südstadt‘), deren Resultate über den konkreten Rahmen dieser Kommune hinausweisen. Sie sollen im Folgenden zunächst kurz zusammengefasst und dann im Hinblick auf die soeben dargestellte Problematik gedeutet werden.

Vier unterschiedliche Typen

Sozialwissenschaften sind sich darüber einig, dass sich die Migrantenvereine durch ihren gleichzeitigen Bezug auf die Herkunftskultur sowie das Leben in der Aufnahmegesellschaft auszeichnen. In diesem Sinne ist von der ‘Doppelfunktion‘ der Migrantenvereine und ihre ‘duale Orientierung‘ die Rede. Darüber hinaus ist bedeutsam, dass sich die Migrantenvereine auf die Gesamtheit der kulturellen Traditionen der Herkunftsgesellschaft beziehen, wie sie innerhalb der Community präsent sind. Aus diesem Grund kann man sie zunächst als Kulturvereine bezeichnen, deren Mitglieder unterschiedliche Aspekte der Eliten- wie der Alltagskultur pflegen möchten.

Doch diese Beschreibung reicht noch nicht aus, um die verschiedenen Vereine adäquat zu charakterisieren. Vielmehr lassen sich auf der Grundlage der Südstädter Analyse vier unterschiedliche Typen von Migrantenvereinen herausarbeiten, die sich unter anderem in Bezug auf die Konkretheit ihrer Vereinsziele sowie die Zielgruppe der Vereinsarbeit unterschieden:

  • Der erste Typus ist der des Zentrums. Darunter werden alle Migrantenvereine verstanden, deren Mitglieder weitgehend ad hoc organisierte Aktivitäten durchführen, die sich an die gesamte Community wenden.

  • Als Dienstleistungsvereine sollen dagegen die Migrantenvereine bezeichnet werden, deren Mitglieder konkrete Aktivitäten für einen spezifischen Interessentenkreis organisieren und anbieten.

  • Dem Typus des Kulturpflegevereins nähern sich solche Migrantenvereine an, deren Mitglieder sich auf bestimmte Aspekte der Herkunftskultur beziehen und diese zusammen mit anderen Interessenten pflegen wollen.

  • Unter dem Begriff der Ethnischen Institution sollen schließlich diejenigen Migrantenvereine zusammengefasst werden, deren Mitglieder vor allem an der Repräsentation der jeweiligen Community in der Aufnahmegesellschaft gelegen ist.

  • Mit Hilfe der so entstandenen Vierer-Typologie lassen sich weiterführende Thesen zu den oben aufgeworfenen praxisrelevanten Fragen formulieren.

Strukturen des Vereinshandelns

Die Aktivitäten der Migrantenvereine zeichnen sich durch eine typische Diffusität aus. Die in einem Kulturverein angestrebte Tradierung der gesamten Kultur einer anderen Gesellschaft führt dazu, dass verschiedene Ziele gleichzeitig angepeilt werden müssen. Darin unterscheiden sich die Migrantenvereine grundlegend von der Mehrzahl der deutschen Vereine. Denn diese können auf den alltäglichen Common Sense zurückgreifen und beschäftigen sich mit spezifischeren (aber nicht notwendig realisierbareren) Projekten.

Für die konkrete Arbeit mit den Migrantenvereinen bedeutet dies zunächst: die bestehenden Förderkriterien sind in vielen Fällen nur bedingt auf sie anwendbar. Innerhalb der Migrantenvereine (und dies gilt auch beim Typus des Dienstleistungsvereins oder des Kulturpflegevereins) werden unterschiedlichere Projekte angestoßen, als das bei den entsprechenden deutschen Vereinen üblich ist.

Trotzdem unterstreichen die vier Typen, dass die Migrantenvereine nicht auf den Aspekt der Kulturbewahrung reduziert werden dürfen. Darüber hinaus bestehen zwischen den einzelnen Vereinen tiefgreifende Unterschiede, die immer wieder berücksichtigt werden müssen:

  • Zentren sollten zunächst bei der Bereitstellung von Räumlichkeiten unterstützt werden.

  • Dienstleistungs- und Kulturpflegevereine ähneln in ihren Aktivitäten am ehesten den deutschen Vereinen und stehen einer entsprechenden Förderung offen.

  • Ethnische Institutionen müssen konsequenter in politische Prozesse eingebunden werden.

Entwicklung der Vereinslandschaft

Hier lassen sich mit Hilfe der Typen folgende Tendenzen herausarbeiten: Zentren sind vor allem innerhalb kleiner, junger Communities dominant. Das gilt sowohl für die Entwicklung der traditionellen Gastarbeitercommunities wie auch für die gegenwärtige Situation innerhalb der asiatischen oder afrikanischen Communities. Angesichts der zunehmenden Etablierung der MigrantInnen hat dieser Typus seit dem Ende der 70er Jahre zunehmen an Bedeutung verloren, so dass die entsprechenden Vereine entweder aufgelöst wurden oder sich grundsätzlich verändert haben.

Die gegenwärtige Vereinslandschaft wird vor allem von den Typen des Dienstleistungsvereins und des Kulturpflegevereins geprägt. Parallel zu deutschen Vereinen leisten sie einen nachhaltigen Beitrag zum kulturellen Leben innerhalb und außerhalb der Communities. Sie untermauern die Bedeutung der Migrantenvereine für die Zugewanderten in der Aufnahmegesellschaft.

In Zukunft wird wohl vor allem der Typus der Ethnischen Institution an Bedeutung gewinnen. Die Mitglieder der entsprechenden Vereine definieren sich dezidiert über ihre ethnische Zugehörigkeit und engagieren sich gleichzeitig innerhalb der Aufnahmegesellschaft. Sie sehen sich als Vertreter ihrer Community und nehmen - mit allen bekannten Problemen bei der Repräsentation von Minderheiten – an den politischen Prozessen der Aufnahmegesellschaft teil.

Dr. Karsten Lehmann, Soziologe, Leiter des Kontakt- und Informationsbüros für präventive Kinder- und Jugendarbeit, Zwickau

(Zentrale Thesen der Dissertation "Vereine als Medium der Integration", erschienen im April 2001 bei Hitit/Berlin)

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