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Plenum 7. April 2017 - Mündliche Anfragen - Anfrage 64

Gibt es neue Erkenntnisse bezüglich der Ursachenforschung erhöhter Krebsraten in Bothel, Rotenburg und Cloppenburg?“

Niedersachsens Sozialministerin Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt hat namens der Landesregierung auf eine Mündliche Anfrage des Abgeordneten Jörg Bode (FDP) geantwortet.

Der Abgeordnete Jörg Bode (FDP) hatte gefragt:

Das Niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) führte im November 2009 bezüglich eines vermuteten Krebsclusters im Südwesten der Stadt Cloppenburg aus, dass durch eine Literaturauswertung für das Multiple Myelom sich „keine Hinweise auf potenzielle Umweltrisiken für das Multiple Myelom“ ergeben haben. Das NLGA stuft, abweichend von den ausgewerteten Übersichtsarbeiten, Benzol als möglichen Risikofaktor ein und nahm seinerzeit auch die Gruppe der Pestizide mit in den Fokus der Risikogruppe für das Multiple Myelom.

Im September 2014 hatte das Epidemiologische Krebsregister Niedersachsens (EKN) festgestellt, dass in der Samtgemeinde Bothel (Landkreis Rotenburg) für zwei Krebsarten eine erhöhte Rate bei Männern zwischen 60 und 74 Jahren und Kindern unter 14 Jahren zu verzeichnen ist. Im Juni 2015 stellte sich zudem heraus, dass Häufungen auch im Stadtgebiet Rotenburg/Wümme auftreten. In den anderen untersuchten Gemeinden hingegen waren keine Auffälligkeiten festgestellt worden. Im Anschluss sind verschiedene Untersuchungen initiiert worden.

Das NLGA veröffentlichte nach 2009 am 31. Oktober 2016 einen zweiten Bericht, einen systematischen Review, über die im Zeitraum zwischen dem 1. Januar 2009 und 24. März 2016 veröffentlichten Publikationen bezüglich der möglichen arbeits- und umweltbezogenen Risiken für das Multiple Myelom (http://www.nlga.niedersachsen.de/startseite/umweltmedizin/umweltepidemiologie/
bewertung_wissenschaftlichen_literatur_zu_arbeits_und_umweltbezogenen_risken_multiplen_
myelom/bewertung-der-wissenschaftlichen-literatur-zu-arbeits--und-umweltbezogenen-risken-des-multiplen-myelom-149098.html).

1. Welche Untersuchungen laufen derzeit bezüglich der Ursachenermittlung aufgrund von signifikanten Krebshäufungen in Niedersachsen, und wie ist der Status dieser Untersuchungen?

2. Wie beurteilt die Landesregierung die arbeits- und umweltbezogenen Risiken und die Evidenzbeurteilung möglicher Risikofaktoren für das Multiple Myelom vor dem Hintergrund der beiden vom NLGA veröffentlichten wissenschaftlichen Literaturauswertungen?

3. Gibt es Ergebnisse, Zwischenergebnisse oder Tendenzen bei wissenschaftlichen Untersuchungen, die den von Kritikern geäußerten Verdacht, dass die Erdgasförderung ursächlich sei, erhärten oder andere Ursachen als möglich bis wahrscheinlich erscheinen lassen?

Ministerin Cornelia Rundt beantwortete die Anfrage namens der Landesregierung:

Die beiden Literaturstudien zum Multiplen Myelom – 2009 vom NLGA sowie 2016 von der Universität München (vom MS in Auftrag gegeben) – müssen gemeinsam betrachtet werden, da die zweite Übersichtsarbeit allein das Ziel verfolgte, die nach 2009 neu veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten in ihrer Evidenz zu bewerten. Die Einstufung von Benzol als möglicher Risikofaktor, wie 2009 vorgenommen, wurde zwar nicht mehr durch nachfolgende Studien weiter gestützt, wie dies mit der fehlenden Evidenzeinstufung in der Arbeit aus 2016 ihren Ausdruck fand, gleichwohl ist Benzol beim Multiplen Myelom nicht nur in der NLGA-Arbeit aus 2009 als möglicher Risikofaktor eingestuft, sondern auch als mögliche Berufserkrankung (BK-1318) anerkannt. Die Frage nach spezifischen Pestiziden als möglichem Risikofaktor ist weiter in der Diskussion; seit Jahren zeigt sich in wissenschaftlichen Publikationen konsistent eine erhöhte Neuerkrankungsrate an Multiplen Myelomen bei in der Landwirtschaft Beschäftigten, deren spezifische Auslöser nach wie vor nicht genau benannt werden können.

Bei den aktuell in Niedersachsen untersuchten Krebsclustern waren nur in der Gemeinde Rodewald, Landkreis Nienburg, vermehrt kindliche Leukämien beobachtet worden.

Bei zeitlich und/oder regional abgegrenzten deutlich über dem Erwartungswert liegenden Erhöhungen an spezifischen Krebserkrankungen, sogenannten „Krebsclustern“, werden von den zuständigen kommunalen Gesundheitsbehörden in der Regel „Krebsclusteruntersuchungen“ eingeleitet. Hierbei wird meist mehrstufig vorgegangen: genaue Ermittlung der tatsächlichen Erhöhung, Suche nach möglichen regionalen Einflussfaktoren, Durchsicht vorhandener Gutachten u. ä. Bewertung der wissenschaftlichen Literatur etc. Die hierfür zuständigen kommunalen Gesundheitsbehörden werden dabei vom NLGA sowie vom EKN nachhaltig unterstützt.

Zu 1.:

Die Untersuchungen in Cloppenburg-Stapelfeld haben inzwischen in der Nachbeobachtung gezeigt, dass die ursprüngliche Erhöhung der Krebsmortalität nicht mehr fortbesteht. Die auf ursprünglich 10 Jahre angesetzte Nachbeobachtungsperiode wird in zwei Jahren enden.

Die im Zusammenhang mit der Erdgasförderung diskutierten Krebsclusteruntersuchungen (Bothel, Rotenburg, Rodewald) werden aktuell aktiv von den zuständigen kommunalen Gesundheitsbehörden voran getrieben; für Bothel werden als nächstes die Ergebnisse aus der Befragung aller Botheler Bürger (ab 16 Jahre) vorgelegt.

Zu 2.:

Die Landesregierung teilt die in den Literaturarbeiten transparent abgeleiteten Evidenzeinstufungen. Hierbei muss betont werden, dass sich gerade die „unsichere Einstufung“ als möglicher oder wahrscheinlicher Risikofaktor in den folgenden Jahren noch ändern kann. Mithin handelt es sich stets um vorläufige Einstufungen auf der Grundlage des aktuellen Wissens. Absolut gesicherte umwelt- oder arbeitsplatzbezogene Risikofaktoren für das Multiple Myelom sind derzeit nicht bekannt.

Zu 3.:

Der Landesregierung ist derzeit keine wissenschaftliche Studie bekannt, die auf Individualebene eine Verbindung zwischen der Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung an einem Multiplen Myelom mit einer spezifischen Exposition gegenüber Emissionen von Anlagen der Erdgasförderung oder auch nur mit der individuellen räumlichen Nähe zu entsprechenden Anlagen belegt. Einige Studien beziehen sich auf andere Benzolemittenten (z.B. Raffinerien). Des Weiteren gibt es Studien, bei denen allein Aussagen getroffen werden zu Assoziationen zwischen Krebserkrankungsraten in verschiedenen Regionen und dem Vorkommen bestimmter Expositionsquellen in eben diesen Regionen. Derartige Studien mit stark aggregierten Daten sind aber bezüglich der Ursache-Wirkungsbeziehung nicht aussagekräftig, da sie insbesondere keine Information enthalten, ob die individuellen Krebsfälle tatsächlich in der Nähe der angenommenen Expositionsquellen wohnen.

Ein Überblick über mögliche gesundheitliche Auswirkungen im Zusammenhang mit der Kohlenwasserstoffförderung und möglichen Studienansätzen wurde im Rahmen eines epidemiologischen Fachgesprächs am 08.03.2017 im Sozialministerium gegeben. Zu dieser Veranstaltung waren auch alle Fraktionen eingeladen.

07.04.17

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