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Francesca Ferrari: Erfüllte Träume - Ausländische Unternehmen in Hannover

Ausländer in Hannover? Noch immer denken viele bei diesem Stichwort an Putzkolonnen, Schichtarbeiter und Döner-Buden.
Aber die Realität hat sich in den vergangenen Jahren verändert: Aus einigen Gastarbeitern der 60er und 70er Jahren sind Unternehmer geworden.

Die Zahl der ausländischen Existenzgründungen nimmt stetig zu: So lebten 1998 etwa 141.000 Türken in Niedersachsen, von denen 2.700 selbständig waren und eigene Unternehmen besaßen. Im vergangenen Jahr erwirtschafteten sie einen Gesamtumsatz von 2,4 Milliarden DM.
Die Hoffnungen, mit denen die Arbeitsmigranten in den 60er Jahren in die Bundesrepublik Deutschland kamen, waren darauf gerichtet, in möglichst kurzer Zeit soviel Geld zu erarbeiten, wie für den Aufbau einer Existenz in der Türkei notwendig war. Die Arbeitsmigranten strebten in erster Linie eine Verbesserung ihres wirtschaftlichen und sozialen Status im Heimatort an. Die Rückkehr in die Heimat stand nicht in Frage.
Die Vorstellungen und Hoffnungen haben sich seitdem geändert. Heute wächst in Deutschland bereits die dritte Generation der damaligen Arbeitsmigranten heran. Die Zahlen der Rückwanderung sinken seit 1975 relativ kontinuierlich. Immer mehr Migranten beabsichtigen einen langjährigen oder dauerhaften Verbleib in Deutschland. Sie investieren hier in ihre Zukunft: Sie gründen Geschäfte, kaufen Eigentumswohnungen und legen ihre Ersparnisse bei deutschen Banken an.

Da immer mehr Migranten in Deutschland ihre Zukunft sehen, hegen sie zunehmend den Wunsch nach Unabhängigkeit und die Hoffnung auf bessere Einkommenschancen. "Als Selbständiger kann ich mehr und auf angenehmere Weise verdienen, wieso sollte ich dann nicht die Gelegenheit nutzen?", erklärt der 30-jährige Jungunternehmer Käzen Usta. Der junge Türke besitzt bereits zwei Möbelgeschäfte und eine Herstellungsfirma für Möbel in Niedersachsen und will noch weiter expandieren.
Aber auch die berufliche Kompetenz führt diese Menschen zur Selbständigkeit. So berichtet Darut Kaese, der gemeinsam mit seiner Frau Gülsun bereits zwei türkische Bäckereien in Hannover führt: "Alle in meiner Familie sind Bäcker, schon seit Generationen. Diese Tradition wollte ich hier mit meiner Familie fortführen."

Anfangs haben die türkischen Existenzgründer vor allem in ökonomischen Nischen gewirtschaftet, um die speziellen Dienstleistungswünsche und Konsumbedürfnisse ihrer Landsleute zu erfüllen. Mit Nischenökonomie bezeichnen Wirtschaftsfachleute "ein ethnisch bestimmtes Unternehmertum", das Marktlücken füllt. So entstanden insbesondere viele Lebensmittelgeschäfte, Übersetzungsbüros und Döner-Imbissstuben. Die ausländischen kleinen und mittleren Betriebe übten vielfach eine Ergänzung zu den bereits bestehenden deutschen Angeboten aus.

Sehr schnell gewannen die selbständigen Türken auch Deutsche als Kunden. Die ethnische Grenzziehung bei der Kundenschaft ging allmählich verloren. Die Existenz der türkischen Unternehmer hängt nun nicht mehr ausschließlich von einer ethnischen Minderheit ab. Der Erfolg steht und fällt – wie bei den deutschen Selbständigen auch – mit der Innovations- und Investitionsfähigkeit der Unternehmer.

Das Geschäft mit der ökonomischen Nische blüht zwar immer noch, aber viele ausländische Unternehmer sind schon längst über diesen Markt hinausgewachsen. Die Türken haben dabei mehr als andere Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Branchen investiert. Mittlerweile leiten sie mehrsprachige Fahrschulen, Reisebüros, sind im Baugewerbe tätig, eröffnen Bekleidungsgeschäfte, Übersetzungsbüros und Copy-Shops. In fast jeder größeren Stadt in Deutschland sind mindestens ein bis zwei Vertretungen türkischer Banken zu finden.

Das Brautkleidergeschäft "FEMA, Brautmoden/ Festliche Bekleidung" von Ebruh und Fatma Dursun am Steintor in Hannover ist ein Beispiel für Einfallsreichtum, mit dem die ausländischen Unternehmer vorgehen. "Mit dem Geschäft habe ich meinen Traum realisiert", erklärt Fatma Dursun (42 Jahre), die seit 30 Jahren in Hannover lebt. Ihre 18-jährige Tochter Ebru führt das Geschäft, in dem Braut-, Abend- und Verlobungskleider verkauft werden. Die Kundinnen können über Katalog eines der 4.000 meist handgearbeiteten Modelle bestellen. Im Vergleich zu den deutschen Geschäften sind die importierten Modelle günstiger: So kostet das preiswerteste 490 DM und das teuerste Modell 1.800 DM. "Ich sehe die deutschen Geschäfte nicht als Konkurrenz, aber vielleicht sehen sie uns als Konkurrenten. Eigentlich decken wir ja den Bedarf einer ganz anderen Klientel" erklärt die 18-jährige Ebru. Die Mehrzahl ihrer Kundinnen kommt sogar aus der Umgebung Hannover, weil es dort so ein Geschäft nicht gibt. Die Kundinnen sind meist arabischer, islamischer, türkischer Herkunft, viele sind aber auch Deutsche. So bunt gemischt wie die Klientel sind auch die Angestellten: Man spricht kurdisch, türkisch, deutsch und englisch.

Die ausländischen Betriebe schaffen neue Arbeitsplätze sowohl für Deutsche als auch für Migranten. 1997 waren rund 11.600 Personen bei türkischen Betrieben in Niedersachsen beschäftigt. Untersuchungen des Zentrums für Türkeistudien zeigen sogar, dass die türkischen Unternehmer stärker bereit wären auszubilden, wenn sie das nötige Fachwissen und die Qualifikation hätten. Um den ausländischen Unternehmern die nötige Hilfestellung zu gewähren, haben die Bundesministerien für Bildung und Forschung sowie für Arbeit und Sozialordnung in einer Gemeinschaftsinitiative die "Koordinierungsstelle Ausbildung in ausländischen Unternehmen" (KAUSA) ins Leben gerufen. Ziel dieser Initiative ist, zusätzliche Ausbildungsplätze in von ausländischen Inhabern geführten Betrieben in Deutschland einzurichten.

Die Bundesregierung hat erkannt, dass die Türken einen bedeutenden wirtschaftlichen Faktor für die Volkswirtschaft darstellen. So liegt der Anteil des Gesamtinvestitionsvolumen der türkischen Selbständigen in Niedersachsen bei mehr als einer halben Milliarde DM.

Unternehmerische Selbständigkeit ist ein Weg zu mehr Integration in die deutsche Gesellschaft. Bei der Gründung und Führung eines Betriebes werden bestimmte deutsche Rechtsvorschriften eingehalten, wobei die Inhaber ihre eigenen Wert- und Kulturmuster nicht aufgeben. Sie übernehmen vielmehr deutsche Kulturelemente, ohne dabei ihre eigene Identität aufzugeben. Diese doppelte Orientierung schafft eine Grundlage für den Umgang zwischen Deutschen und Ausländern im wirtschaftlichen Alltag. Durch die Selbständigkeit stellen sie gesellschaftliche und wirtschaftliche Beziehungen her, die ihre Position in der Gesellschaft stärken. Sie müssen in der neuen Situation ein neues Rollenverständnis aufbauen und eine neue Identität herausbilden. "Die Türkei ist mir fremder als Deutschland. Wir haben uns hier eine selbständige Existenz aufgebaut, denn wir sehen unsere Zukunft in Hannover", erklärt Ebru Dursun zuversichtlich.

Was will die TIDAF?

Ahmet Güler (42 Jahre) studierte in Ankara Wirtschaftswissenschaften. Er kam 1980 nach Göttingen zur Promotion und begann nebenbei, mit Lederbekleidung zu handeln. Heute gehört ihm die In- und Exportfirma für Lederbekleidung Gentili GmbH. Seit 1980 ist er stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsch-Türkischer Unternehmervereine (TIDAF) und Vorstandsvorsitzender für Niedersachsen und Bremen.

Betrifft sprach mit ihm über Aufgaben und Ziele der Organisation.

Red: Was will die TIDAF?

Güler: Um ihre Interessen erfolgreicher vertreten zu können, haben sich 22 regional organisierte Verbände türkischer Geschäftsleute im Dezember 1993 in Köln zur TIDAF zusammengeschlossen. Ziel dieses Verbandes ist es, sowohl die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und der Türkei zu fördern als auch den türkischen Unternehmern bundesweit mit Rat und Tat zur Seite stehen. In Bundesgebiet hat die TIDAF 5.000 Mitglieder. In Niedersachsen finden sich 300 türkischstämmige Unternehmer zusammen.

Red: Was sind die Probleme der türkischen Unternehmer?

Güler: Allgemein haben Migranten eine größere Hemmschwellen vor den deutschen Institutionen als Deutsche. Denn viele von ihnen können die deutsche Sprache nicht gut sprechen. Hinzu kommt die Angst vor den deutschen Gesetzen, Formalitäten und die unterschiedliche Denkweise. Zwar haben ausländische Unternehmer mit mehr Problemen zu kämpfen, aber sie besitzen mehr Mut zum Risiko, denn sie können nichts verlieren. Die Arbeitslosigkeitenrate von türkischstämmigen Migranten liegt in Niedersachsen bei 22 Prozent, so dass viele von ihnen in der Selbständigkeit die Flucht aus ihrer schlechten wirtschaftlichen Situation suchen.

Red: Wie hilft der Verband den Unternehmern?

Güler: Der Verband gibt Hilfestellung und Beratung. Er versucht, die Unternehmer mit ihrer eigenen Denk- und Handelsweise in deutsche Strukturen einzupassen und zu integrieren.

Red: Wie hoch ist die Bereitschaft der Unternehmer, Ausbildungsplätze bereit zu stellen?

Güler: Es besteht eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen dem Kulturministerium, dem Sozialministerium und der Industrie- und Handelskammer (IHK). Die IHK hat zusätzlich türkisch sprechende Mitarbeiter eingestellt, die die Unternehmer unterstützen sollen, Arbeitsplätze einzurichten. Man schätzt, dass eine bessere Betreuung der ausländischen Unternehmer 1.100 zusätzliche Arbeitsplätze in Niedersachsen schaffen würde.

Francesca Ferrari, Journalistin, Hannover

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