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Ambulante Pflege und medizinische Versorgung im ländlichen Raum verbessern ─ Telemedizin- und Pflegeprojekt in Gifhorn gestartet

Gesundheitsministerin Carola Reimann: „Wir verknüpfen mit dem Projekt „Delegation ärztlicher Leistungen“ die hausärztliche und ambulante pflegerische Versorgung sektorenübergreifend ─ ein Modell mit Zukunftscharakter“


Pflegefachkraft Daniela Kanthak (vorn rechts) erklärte allen Beteiligten den Rucksack, mit dem die Fachkraft zu den Patienten kommt. "Die Diagnose bleibt beim Arzt", betonte Ministerin Reimann.

Den Blutdruck und Blutzucker messen, ein EKG schreiben oder eine Wunde versorgen ─ das alles sind grundsätzlich medizinische Leistungen, die ein Hausarzt im Rahmen seiner Hausbesuche erbringt. Im Landkreis Gifhorn übernimmt dies für einen Teil der Patientinnen und Patienten einer Hausarztpraxis seit Mitte dieses Jahres ein Pflegedienst. Das Projekt ist für das Flächenland Niedersachsen ein wichtiges zukunftsweisendes Pilotprojekt, betont Sozialministerin Carola Reimann anlässlich ihres heutigen Besuchs der Hausarztpraxis: „Unser Ziel ist es, die ambulante medizinische Versorgung gerade in den ländlichen Regionen zu verbessern. Wir verknüpfen hier hausärztliche und ambulante pflegerische Leistungen sektorenübergreifend. Das ist ein Modell mit Zukunftscharakter, denn Patientinnen und Patienten profitieren von diesem Angebot genauso wie die Arztpraxen.“

Das Kooperationsprojekt der AOK Niedersachsen, der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen und des Sozialministeriums wird vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) unterstützt und läuft bis Ende 2020. Laufe das Modellprojekt gut, so Dr. Carola Reimann, strebe die Landesregierung ab 2021 eine Ausweitung des Projekts an.

Für die AOK Niedersachsen war sofort klar dieses Angebot in den Leistungskatalog aufzunehmen, betont Vorstandsmitglied Jan Seeger: „Das Projekt leistet einen Beitrag zur Sicherstellung der ambulant ärztlichen Versorgung auf dem Land und erspart mobilitätseingeschränkten Patienten für Routineuntersuchungen den Weg zur Arztpraxis. Gleichzeitig wird die Hausarztpraxis entlastet.“

Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen sieht in dem Projekt große Mehrwerte: „Über die Delegation ärztlicher Leistungen ermöglicht das Modell die Entlastung von Hausarztpraxen. Es ist ein zusätzliches Angebot für Hausärzte, die Flut der Hausbesuche besser aufzuteilen und die Kräfte in der Praxis zu bündeln. Ärztliche Tätigkeiten werden an Krankenpflegedienste übertragen, die die niedergelassenen Hausärzte unterstützen. Gleichzeitig wird die Versorgung der Patienten verbessert, da sie in ihrem häuslichen Umfeld bleiben können und dort versorgt werden. Das Thema der Delegation ärztlicher Leistungen beschäftigt die KVN seit Jahren in den unterschiedlichsten Konstellationen. Die moderne Medizin mit ihrer Vielzahl an diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten erfordert eine arbeitsteilige Unterstützung. Die Zusammenarbeit zwischen Hausarztpraxis und Pflegedienst erproben wir in Gifhorn“, sagt der Vorstandsvorsitzende, Mark Barjenbruch.

Der bpa ist überzeugt, dass das Thema Telemedizin bzw. Telepflege große Chancen mit sich bringt, so Henning Steinhoff, Leiter der Landesgeschäftsstelle Niedersachsen: „Patienten die immobil sind und die Hausarztpraxis nicht mehr aufsuchen können, sind häufig auch pflegebedürftig. Die engere Zusammenarbeit mit dem Hausarzt und dessen Entlastung durch legitimierte Übernahme von Leistungen hilft Doppelstrukturen wie Hausbesuche von Pflegediensten und Hausärzten bei gleichen Patienten zu vermeiden. Zudem profitieren Pflegedienst und Hausarzt von einer gemeinsamen und zeitnahen schriftlichen und Videokommunikation. Das sichert und verbessert die Versorgung und nützt sowie entlastet den Patienten.“

Mit dem Rucksack auf Hausbesuch

Per Rucksack gefüllt mit einem Tablet-Computer, Blutdruck- und Blutzuckermessgerät, Pulsoximeter und 3-Punkt-EKG machen sich nach täglicher Auftragserteilung durch Dr. Armin Saak täglich bis zu fünf extra geschulte examinierte Pflegekräfte auf den Weg zu Patientinnen und Patienten des Hausarztes. Für den Allgemeinmediziner eine große Entlastung im Praxisalltag: „Die Herausforderung für den Hausarzt in der heutigen Zeit ist es, der Vielzahl an Patienten bei immer schwierigerer werdender ärztlicher Versorgung vor allem auf dem Lande und den zunehmenden Anforderungen von älter werdenden Patienten mit vielfältigen chronischen Krankheitsbildern gerecht zu werden. Den Hausarzt, der die älteren Menschen zuhause ohne Zeitdruck bei Kaffee und Kuchen besuchen konnte, gibt es leider nicht mehr. Der Hausbesuch des Hausarztes wird häufig zum Akutbesuch bei Problemen, die aus dem Ruder laufen. Bei immer knapperen personellen Ressourcen kann eine Zusammenarbeit der Fachkräfte zwischen Arzt, Medizinischen Fachangestellten in der Praxis und auch Pflegekräften vor Ort helfen, die Anforderungen der modernen Medizin im Alter zu sichern. Das Projekt ist ein Baustein, um neue Ideen für die häusliche Versorgung zu verfolgen und möglich zu machen.“

Dass die neue Dienstleistung auch für die Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes große Vorteile mit sich bringt, berichtet Geschäftsführerin Bettina Tews-Harms: „Die neuen Aufgaben bieten für die Attraktivität der ambulanten Pflege neue Möglichkeiten. Bisher haben wir durch die Versorgungsbedarfe eine Arbeitszeit, die überwiegend in den Morgenstunden zwischen 6 und 10:30 Uhr und dann wieder in den Abendstunden von ca.16 bis 22 Uhr liegt. Um auf eine Vollzeitstelle zu kommen, fallen dadurch für die Mitarbeitenden auch regelmäßig so genannte „geteilte Dienste“ an, das ist für viele Pflegende nicht sehr attraktiv. Außerdem sind diese Leistungen eine Erweiterung des Aufgabengebietes und im Gegensatz zu pflegerischen Leistungen sind diese körperlich nicht anstrengend. Dadurch wird die ambulante Pflege interessanter, abwechslungsreicher und insgesamt aufgewertet.“

Ist die Behandlung abgeschlossen werden die erhobenen Daten automatisch über das Tablet an die Arztpraxis übermittelt. Der Arzt hat so die individuelle gesundheitliche Verfassung der Patientinnen und Patienten im Blick. Braucht die Pflegekraft vor Ort einen fachmedizinischen Rat, erfolgt die sofortige Kommunikation mit der Praxis.

Für den Landkreis Gifhorn ist das Kooperationsprojekt ein wichtiger Baustein für die medizinische Versorgung der Bürgerinnen und Bürger, unterstreicht der Erste Kreisrat Dr. Thomas Walter: „In Anbetracht des im Zuge des demographischen Wandels stetig steigenden Behandlungsbedarfs älterer, chronisch kranker Menschen und die dadurch zunehmende Belastung der Hausärzte begrüße ich das Pilotprojekt ausdrücklich. Ich freue mich, dass es zur Kooperation einer Hausarztpraxis und eines ambulanten Pflegedienstes aus dem Landkreis Gifhorn gekommen ist, um diese innovative Projektidee hier vor Ort auszuprobieren. Der Landkreis Gifhorn ist stetig und auch in anderen Zusammenhängen um die Sicherstellung und Weiterentwicklung der (haus-)ärztlichen Versorgung bemüht. Als Teilnehmer am Landesmodellprojekt Gesundheitsregionen Niedersachsen waren wir sehr gern zur Beantragung der entsprechenden Fördermittel bereit und haben dies aktiv unterstützt.“

Das Modellprojekt wird über die niedersächsischen Gesundheitsregionen mit rund 80.000 Euro bis Ende 2020 finanziert.

Serviceinformationen

Gesundheitsregionen:

Um die niedersächsischen Landkreise und kreisfreien Städte bei der Gestaltung des regionalen Gesundheitswesens zu unterstützen, wurde das Projekt „Gesundheitsregionen Niedersachsen“ ins Leben gerufen. Die Landesregierung fördert gemeinsam mit der Ärztekammer Niedersachsen, der AOK Niedersachsen, der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, den Ersatzkassen, dem BKK Landesverband Mitte Niedersachsen sowie der IKK classic die Entwicklung von kommunalen Strukturen und innovativen Projekten, die eine bedarfsgerechte und möglichst wohnortnahe Gesundheitsversorgung zum Ziel haben. Hierzu wird eine intensive träger- und sektorenübergreifende Kooperation und Vernetzung der Akteurinnen und Akteure des Gesundheitswesens vor Ort sowie aus anderen Bereichen der regionalen Daseinsvorsorge angeregt. Aktuell werden 31 Gesundheitsregionen gefördert. Beteiligt daran sind 38 Landkreise und kreisfreie Städte.

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