Nds. Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung klar

Organspende-Talk in Göttingen: Sozialministerin Rundt setzt auf Freiwilligkeit

Patient beim Organspende-Talk: „Auf ein Organ warten zu müssen, diese quälende Erfahrung wünsche ich keinem von Ihnen!“


„Es geht nicht darum, Menschen zur Organspende zu überreden. Es geht darum, die Bürgerinnen und Bürger dazu zu animieren, über das Thema nachzudenken und für sich eine Entscheidung zu treffen", sagte Niedersachsens Sozial- und Gesundheitsministerin Cornelia Rundt am Ende des Organspende-Talks in Göttingen am Montagabend. Diese Entscheidung, wie auch immer sie ausfällt, könne in einem Organspende-Ausweis festgehalten werden. Das schaffe Klarheit für alle Beteiligten - vom medizinischen Personal bis zu den Angehörigen.

Zusammen mit Patienten und Experten sowie den Zuschauerinnen und Zuschauern hatte Rundt im voll besetzten Holbornschen Haus über den starken Rückgang der Organspende-Zahlen in den vergangenen Jahren diskutiert. Zum Nachdenken animierten besonders die Menschen, die gerade auf ein Organ warten oder die sich noch gut an die Zeit erinnern können, in der sie auf ihr inzwischen empfangenes Spenderorgan warteten.

"Ich bin betroffen, denn wir haben um das Leben unseres Sohnes gebangt", erzählte etwa Heide Morjan-Wermuth (57) aus Göttingen, die sich aus dem Zuschauerraum zu Wort gemeldet hatte: "Mein Sohn ist vor zwei Jahren lebertransplantiert worden, mit 16. Wir sind den Menschen unendlich dankbar, die ihren Angehörigen dazu freigegeben haben." Thorsten Bussmann, der nach einem Unfall auf eine Spenderleber angewiesen war, sagte im Interview: "Das wünsche ich keinem von Ihnen, dass Sie die quälende Erfahrung machen, auf ein Spenderorgan zu warten." Keiner könne ausschließen, selbst in solch eine Lage zu kommen, so Bussmann: „Man wird eher zum Empfänger, als dass man mit Ausweis zum Spender wird.“

Einigkeit bestand unter den Diskussions-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern allerdings darin, dass keiner zur Organspende gezwungen werden dürfe. ,Jeder sollte das für sich entscheiden, jeder sollte darüber einmal nachdenken“, sagte etwa Peter Fricke, der in diesem Jahr seit 25 Jahren mit einem Spenderherz lebt. Er mahnte aber auch: "Sie warten bei uns bis zu acht Jahre auf ein Organ, in Spanien sind es acht Monate." Dort gelte allerdings auch die Widerspruchslösung: Jeder ist zunächst also automatisch Organspender, wenn er nicht widerspricht. Dieses Modell auch in Deutschland einzuführen, forderte beim Organspende-Talk keiner - es gilt angesichts der derzeitigen Stimmungslage in Politik und Bevölkerung als nicht durchsetzbar.

Der Tenor des von Jürgen Gückel, Redakteur beim Göttinger Tageblatt, moderierten Talks: Es muss informiert und Vertrauen geschaffen werden, zum Beispiel in Schulklassen, in den Medien oder eben in Gesprächsrunden wie dem Organspende-Talk von Sozialministerin Cornelia Rundt. Dabei muss auch deutlich gemacht werden, dass aus den Unregelmäßigkeiten bei der Organvergabe, um die es unter anderem in einem Prozess in Göttingen geht, Lehren gezogen worden seien. „Wir sind dem in Göttingen konsequent nachgegangen. Wir haben die Warteliste umgebaut, haben strenge Überprüfungen eingeführt. Es ist uns gelungen, ein stabiles kleines Zentrum aufzubauen, das sich strikt an den Richtlinien der Bundesärztekammer orientiert“, betonte Professor Otto Kollmar, Leitender Transplantationschirurg in der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie der Universitätsmedizin Göttingen.

Ministerin Cornelia Rundt forderte zudem, die Rolle der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken zu stärken: "Die Transplantationsbeauftragten stellen sicher, dass der Hirntod korrekt festgestellt wird, sie sprechen mit den Angehörigen und betreuen diese. Sie müssen die Abläufe im Entnahmekrankenhaus festlegen und haben eine Berichtspflicht. Und sie dürfen keinen Weisungen unterliegen", erläuterte Rundt. Solche Transplantationsbeauftragten gebe es bereits, doch müsse der Bund sich endlich klar zur Finanzierung der Freistellung von ihren sonstigen Aufgaben in den Kliniken äußern. Rundt erwägt in diesem Zusammenhang auch ein Ausführungsgesetz für Niedersachsen: "Doch zu allererst warten wir auf die entsprechende Bundesregelung - die derzeitige Finanzierung durch die gesetzlichen Krankenkassen ist nicht ausreichend.“

Dem pflichtete Dr. Matthias Kaufmann, geschäftsführender Arzt der Deutschen Stiftung Organtransplantation Region Nord, bei. "In Deutschland warten circa 12.000 Menschen auf ein Organ, davon sterben jedes Jahr circa 1000 Menschen“, sagte Kaufmann: „Wenn man sich das mal überlegt: Jeden Tag sterben völlig sinnlos drei Menschen, weil für sie kein Organ zur Verfügung stand." In das "System Organspende" müsse mehr Geld fließen, meinte Professor Volker Kliem, Leitender Arzt der Klinik und des Transplantationszentrums Hann. Münden. In der Ärzteschaft müsse für die Organspende geworben werden, damit künftig wieder mehr Spenderorgane gemeldet werden.

Vertrauen zerstören gehe schnell, Vertrauen zu begründen sei ein mühsames Geschäft, sagte Professor Gunnar Duttge, Experte für Medizinrecht von der Universität Göttingen. Was also hilft? Hans-Martin Wirth (59), der elf Jahre mit einer Spenderniere lebte und nun, nachdem das Organ versagte, wieder seit drei Jahren auf ein Organ wartet, brachte es auf den Punkt: "Neben der sachlichen Diskussion, die notwendig ist, muss in engagierten Gesprächen das Vertrauen wieder gewonnen werden. Menschen können erzählen, was es bedeutet, ein Organ gespendet bekommen zu haben, und was heißt, schwer krank darauf zu warten. Wenn diese Menschen erzählen, dann überzeugt das am allermeisten."

Hier weitere Zitate vom Organspende-Talk am Montagabend in Göttingen:

  • Prof. Dr. Otto Kollmar, Leitender Transplantationschirurg in der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie der Universitätsmedizin Göttingen:

„Ich habe bisher kein Organ aufgrund technischer Mängel zurückgeben müssen.
Das Problem ist aber die Qualität der Organe, die angeboten werden: Aufgrund des Organmangels sind Organspender heute oftmals älter, das wirkt sich auf die Qualität aus.“

  • Peter Fricke von der Regionalgruppe Niedersachsen des Bundesverbands der Organtransplantierten e.V.:

„Ich bin seit 25 Jahren herztransplantiert, ich weiß, wovon ich rede.“

„Wir müssen aufklären - eine Schülerin hat mal erzählt, sie wisse nicht, wo ihr Organspende-Ausweis sei: Den habe ihre Mutter wohl weggeschmissen, weil sie dachte, es sei Werbung.“

„Die Transplantationsbeauftragten sollten unabhängig sein - es kann nicht sein, dass das der Ärztliche Direktor einer Klinik macht.“

„Viele Krankenhäuser wollen keine Organentnahme machen, weil sie sagen, dass sie in derselben Zeit zwei Knie-OPs machen, mit denen sie wesentlich mehr Geld verdienen.“

„In Deutschland müssen für einen Hirntod alle Hirnbereiche defekt sein - ein Hirntod wird nicht voreilig festgestellt.“

  • Patient Thorsten Bussmann (42), Vater von fünf Kindern. Nach einem schweren Verkehrsunfall 2008 wartete er auf eine Leber, die er 2012 bekam:

„Als Wartepatient fragt man sich ständig, was passiert, wenn man kein Spenderorgan bekommt. Und jeder sollte zumindest in Betracht ziehen, dass man auch selbst in die Lage kommen kann.“

„Ich hatte schon vor meinem Unfall einen Spenderausweis.“

  • Dr. Matthias Kaufmann, geschäftsführender Arzt der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Region Nord:

„Dieser Skandal, der die Gerichte beschäftigt, war ein Problem der Organvergabe - es war kein Problem der Organspende.“

„Transplantationsbeauftragte sind sehr wichtig. Wir beteiligen uns daran, diese fortzubilden. Wir veranstalten regelmäßig wissenschaftliche Treffen mit ihnen.“

„Wir müssen auch die Ärzte, die Pfleger, die Klinikleitungen von der Wichtigkeit der Organspende überzeugen.“

  • Professor Gunnar Duttge, Abteilung für strafrechtliches Medizin- und Biorecht, Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Göttingen, Vorstandsmitglied des Göttinger Zentrums für Medizinrecht:

„Ich hätte Bedenken, in Deutschland eine Widerspruchslösung einzuführen, bei der erstmal jeder automatisch Organspender ist. Das wäre doch ein Signal, dass der menschliche Körper für Allgemeinzwecke benutzt wird – auch wenn dieses durch die Widerspruchsmöglichkeit gemildert wird. Aber zum jetzigen Zeitpunkt wäre ein solcher Vorstoß höchst unklug.“

  • Professor Volker Kliem, Leitender Arzt der Klinik und des Transplantationszentrums Hann. Münden:

„Auch unabhängig von dem Skandal sind die Spendezahlen zurückgegangen. Alle gesellschaftlichen Gruppen müssen darüber nachdenken, warum das so passiert ist. Ein Aspekt dabei ist sicherlich, dass in das System Organspende mehr Geld fließen muss. Die derzeitige Finanzierungsregelung ist ein Problem.“

  • Cornelia Rundt, Niedersächsische Sozial- und Gesundheitsministerin:

„Zum Glück haben wir engagierte Ärztinnen und Ärzte, die sich für Organspende einsetzen, obwohl diese derzeit nicht üppig finanziert ist.“

„Die Auseinandersetzung mit dem Thema Organspende ist immer auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Ich möchte alle bitten, sich zu informieren, für sich eine Entscheidung zu treffen und diese in einem Organspende-Ausweis zu dokumentieren.“

Zahlen für Niedersachsen:

- Während es in Niedersachsen in 2011 noch 100 Spenderinnen und Spender gab, waren es nach Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation 2012 nur noch 80 und im letzten Jahr 63. Auch die Zahl der gespendeten Organe ging von 334 in 2011 auf 288 in 2012 bzw. auf 235 in 2013 zurück. Gleiches gilt für die Zahlen der durchgeführten Transplantationen: In 2011 waren es noch 504, ein Jahr später 479 und in 2013 nur noch 413.

- Laut einer Studie der Bertelsmannstiftung und der Barmer GEK sind von 62 Prozent in 2011 aktuell nur noch 48 Prozent der Menschen zu einer Organspende bereit.

Gesprächsrunde zum Thema Organspende: Ministerin Rundt im Gespräch mit Experten, Patienten und interessierten Bürgerinnen und Bürgern im Göttinger Holbornschen Haus am 12.05.  
Gesprächsrunde zum Thema Organspende: Ministerin Rundt im Gespräch mit Experten, Patienten und interessierten Bürgerinnen und Bürgern im Göttinger Holbornschen Haus am 12.05. (Foto 1 von 2)
Gesprächsrunde zum Thema Organspende: Ministerin Rundt im Gespräch mit Experten, Patienten und interessierten Bürgerinnen und Bürgern  
Patient beim Organspende-Talk: „Auf ein Organ warten zu müssen, diese quälende Erfahrung wünsche ich keinem von Ihnen!“ (Foto 2 von 2)
Gesprächsrunde zum Thema Organspende: Ministerin Rundt im Gespräch mit Experten, Patienten und interessierten Bürgerinnen und Bürgern im Göttinger Holbornschen Haus am 12.05.  

Gesprächsrunde zum Thema Organspende: Ministerin Rundt im Gespräch mit Experten, Patienten und interessierten Bürgerinnen und Bürgern im Göttinger Holbornschen Haus am 12.05. (Foto 1 von 2)

Gesprächsrunde zum Thema Organspende: Ministerin Rundt im Gespräch mit Experten, Patienten und interessierten Bürgerinnen und Bürgern  

Patient beim Organspende-Talk: „Auf ein Organ warten zu müssen, diese quälende Erfahrung wünsche ich keinem von Ihnen!“ (Foto 2 von 2)

Artikel-Informationen

13.05.2014

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