Nds. Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung klar

Bildung: Soll und Haben auf dem Sprachkonto - Fünf Thesen zum Deutschlernen

Von Petra Szablewski-Çavus


Menschen, die in Deutschland leben, sollten sich auch auf Deutsch verständigen können. Warum also fällt das vielen Migrantinnen und Migranten so schwer? Fünf Thesen gehen im Folgenden dieser Frage nach.

Ausländerinnen und Ausländer müssen Deutsch lernen.

Kein Zweifel: Ausländerinnen und Ausländer, die in Deutschland leben und arbeiten, müssen Deutsch lernen. Diese Notwendigkeit ergibt sich aus verschiedenen Perspektiven: Zum einen liegt es selbstverständlich im Interesse der Menschen mit einer anderen Muttersprache als Deutsch, wenn sie sich in der Sprache der Mehrheit verständigen können. Denn die deutsche Sprache spielt in alle Lebensbereiche auch der Migrantinnen und Migranten hinein. Kommunikation in deutscher Sprache ist die Basis, um sich umfassend zu informieren, eigene Rechte wahrzunehmen und – in Zeiten, in denen von allen Erwerbstätigen "lebenslanges Lernen" erwartet wird, von besonderer Bedeutung: um an schulischer und beruflicher Bildung und Weiterbildung teilzuhaben.

Zum anderen besteht seit 10 bis 15 Jahren aufgrund der dramatischen technologischen und organisatorischen Veränderungen in der Arbeitswelt und aufgrund der Arbeitsmarktentwicklung ein zusätzlicher Druck für ausländische Arbeitskräfte, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern und sich beruflich zu qualifizieren: Der Arbeitsmarkt für Tätigkeiten, die lediglich sehr geringe oder keine Qualifikationen voraussetzen, wird sich, wie bereits die jetzigen Entwicklungen verdeutlichen, weiterhin verengen. Ausländische Arbeitskräfte sehen sich mit dem Tatbestand konfrontiert, dass sie ohne eine Qualifizierung und Fortbildung im Beruf nicht einmal mehr die ihnen bis vor einigen Jahren noch weitgehend konkurrenzlos zugedachte Rolle als unqualifizierte Arbeitskräfte am unteren Rand der Betriebshierarchien ausfüllen können.

Und schließlich ist das "Muss" auch ganz konkret: Wollen Migrantinnen und Migranten von den ihnen eröffneten aufenthaltsrechtlichen Möglichkeiten Gebrauch machen und z.B. die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben, müssen sie ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen (wobei hier leider nicht auf Details dieser noch ganz neuen Diskussion eingegangen werden kann).

Ausländerinnen und Ausländer wollen Deutsch lernen.

Weil viele Ausländerinnen und Ausländer den heutigen hohen Anforderungen an Deutschkenntnissen auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr genügen – Rückzüge in "ethnische" Nischen (die fast immer auch soziale Enklaven sind) werden vermehrt beobachtet und kritisiert –, hat die Öffentlichkeit oft den Eindruck, Migrantinnen und Migranten wollen gar nicht Deutsch lernen. Diese Beobachtung negiert allerdings, dass viele der Migrantinnen und Migranten sehr wohl die Mehrheitensprache erlernt haben, viele von ihnen sogar hervorragend. Wollen die anderen tatsächlich nicht lernen? Sind sie nicht bereit, ihren Beitrag zu leisten, um sich in diese Gesellschaft zu integrieren, wie häufig geschlussfolgert wird?

Kaum ein Zuwanderer, kaum eine Zuwanderin würde wohl die Frage verneinen, ob er/sie sich gerne besser verständigen können möchte. Aus der Tatsache, dass jemand nicht gut Deutsch kann, die Schlussfolgerung zu ziehen, er wolle nicht Deutsch lernen, ist mindestens vorschnell: Vielleicht gibt es ja plausible Gründe, warum jemand etwas erreichen will, es aber trotzdem nicht schafft.

Ausländerinnen und Ausländer können Deutsch lernen.

Menschen besitzen die Fähigkeit, nicht nur ihre Muttersprache zu erwerben, sondern darüber hinaus auch eine oder mehrere weitere Sprachen zu erlernen; selten allerdings erreichen die Fertigkeiten in den weiteren Sprachen die gleiche Qualität wie die der Muttersprache. Migrantinnen und Migranten verfügen offensichtlich ebenfalls über diese Fähigkeit: Sie haben Deutsch gelernt – in oder außerhalb von Kursen, mit oder auch ohne Hilfe von Lehrkräften; einige von ihnen beherrschen Deutsch besser als manche Deutsche, andere stehen erst am Anfang eines Lernprozesses. Oder sie haben es aufgegeben, sich weiter um das Lernen zu bemühen, weil es ihnen zu schwer fällt.

Es gibt viele Gründe, warum jemandem das Lernen schwer fallen kann: z.B. wenn man den Kopf voller Sorgen hat, lernt man nicht besonders gut und leicht. Oder wenn man den ganzen Tag schwere körperliche Arbeit verrichtet und sich abends noch um Kinder oder Haushalt kümmern muss; ebenso wenn man einen Kurs besucht, in dem man überfordert oder unterfordert ist; oder wenn man mit einem Buch lernt, das für ganz andere Lernbedürfnisse gedacht ist; oder wenn man gar nicht weiß, ob sich die Mühen des Lernens letztlich lohnen werden, weil man gar nicht weiß, ob und wie lange man in Deutschland bleiben kann...

Vor allem aber fällt den meisten Menschen das Lernen einer neuen Sprache dann sehr schwer, wenn sie ihre Kenntnisse nicht anwenden können. Es ist ein Teufelskreis: Je intensiver der Kontakt zu Sprecherinnen und Sprechern der zu lernenden Sprache ist, desto leichter fällt das Lernen, desto besser werden die Fertigkeiten – und desto leichter stellt sich der Kontakt her.

Wenn Ausländerinnen und Ausländer noch nach vielen Jahren Aufenthalt in Deutschland nicht in dem Maße Deutsch beherrschen, wie sie selbst es sich in aller Regel wünschen, so lassen sich aus dieser Tatsache noch keine Rückschlüsse über deren Vermögen ziehen, Deutsch zu lernen. Einzubeziehen wäre hier vielmehr immer auch die Situation, in der sich die betreffenden Migrantinnen und Migranten befinden, und die Qualität des Angebots, das ihnen gemacht wird, um Deutsch zu lernen oder die Deutschkenntnisse zu verbessern.

Ausländerinnen und Ausländer sollen Deutsch lernen.

Der Appell an die Ausländerinnen und Ausländer, sie sollen Deutsch lernen, beinhaltet gegenwärtig nicht selten einen Vorwurf: "Warum lernt ihr nicht besser Deutsch? Ihr seht doch, dass ohne Deutsch gar nichts mehr läuft." Übersehen wird dabei zum einen, dass auch mit Deutschkenntnissen häufig immer weniger läuft. Auch Deutsche, also Personen, die Deutsch als Muttersprache sprechen, sind ja – bis zu einem Alter von ca. 20/25 Jahren und ab einem Alter von etwa 45 Jahren – von Arbeitslosigkeit besonders stark betroffen, wie die Statistiken belegen. Oft ist der Appell zum Deutsch Lernen denn auch verbunden mit der Anforderung an eine berufliche Qualifizierung: "Ihr müsst Deutsch lernen, damit ihr euch beruflich weiterbilden könnt."

Zum anderen bleibt ein solcher Appell unglaubwürdig, wenn er nicht mit einem entsprechenden Angebot verbunden wird: Wenn diese Gesellschaft tatsächlich Interesse an besseren Deutschkenntnissen der Migrantinnen und Migranten hat – und in Anbetracht der demographischen Entwicklung in Deutschland besteht objektiv ein großes Interesse an guten Deutschkenntnissen und an kommunikativen Fähigkeiten auch in der deutschen Sprache –, muss diese Gesellschaft dazu beitragen, dass den Betroffenen Lernräume offeriert werden, um sie bei der Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse zu unterstützen. Mit anderen Worten: Die Ernsthaftigkeit des Appells an die Migrantinnen und Migranten, sie sollen Deutsch lernen, muss sich daran messen lassen, ob und in welcher Form der Deutschunterricht für sie finanziell und in der Praxis gefördert wird. Ganz konkret: Wenn, wie gegenwärtig in den Verwaltungsvorschriften zum neuen Staatsangehörigkeitsrecht diskutiert wird, der Nachweis von Deutschkenntnissen den Zugang zu Rechtsansprüchen verhindern kann, so sind von Gesetzgeberseite Deutschlernangebote zu unterbreiten, die dazu beitragen können, dass die Hürde "Deutschkenntnisse" überwunden wird.

Ausländerinnen und Ausländer dürfen Deutsch lernen.

Selbstverständlich – so werden die meisten Leserinnen und Leser dieser Zeilen denken – ist es allen Migrantinnen und Migranten erlaubt, Deutsch zu lernen; wer sollte es ihnen auch verbieten können?! Aber – ist es auch erwünscht? Betrachtet man die derzeitigen Förderprogramme zum Deutschlernen für Zuwanderinnen und Zuwanderer als Indiz dafür, ob Deutschkenntnisse tatsächlich erwünscht sind, so lässt sich zumindest für einige Gruppierungen diese Frage verneinen: Im wesentlichen werden Deutschkurse für Spätaussiedler und ihre Familienangehörigen sowie für ausländische Arbeitnehmer aus den ehemaligen Anwerbeländern über die Bundesregierung gefördert. Für Neuzuwanderinnen und Neuzuwanderer – z.B. Ehegatten von Deutschen oder von Ausländerinnen mit unbefristeter Aufenthaltserlaubnis aus anderen als den Anwerbeländern – gibt es bisher in der Regel keine Möglichkeiten, an finanziell geförderten Deutschkursen teilzunehmen, ebenso für Flüchtlinge. In der Praxis bedeutet dies nicht selten, dass ein Ausländer, eine Ausländerin, die sich z.B. an einer Volkshochschule für einen preislich erschwinglichen Kurs anmelden möchte, von der Weiterbildungseinrichtung abschlägig beschieden werden muss: "Sie dürfen an diesem Kurs leider nicht teilnehmen."


Der Sprachverband Deutsch...

...für ausländische Arbeitnehmer wird seit 1974 vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung gefördert und hat bis heute ein Finanzvolumen von knapp einer halben Milliarde Deutsche Mark in die Sprachkursförderung ausländischer Mitbürger/innen investiert.

In diesem Jahr blickt er auf 25 Jahre Sprachkursarbeit zurück. Rund 450 Institutionen in der gesamten Bundesrepublik werden von ihm finanziell unterstützt und führen in seinem Auftrag Deutsch-Sprachkurse durch. Dabei werden für den Sprachunterricht Lehrkräfte mit besonderer Qualifizierung eingesetzt.

Gleichzeitig macht der Sprachverband Vorgaben für Unterrichtsgestaltung und inhaltlichen Ablauf, berät fachlich und pädagogisch, entscheidet über die Zulassung von Unterrichtsmaterialien sowie Lehrwerken und arbeitet ständig an der Weiterentwicklung der Didaktik und Methodik des Deutschunterrichts für ausländische Arbeitnehmer.

Im Schnitt finden jährlich 5.000 Sprachkurse mit knapp 70.000 Deutsch-Lernenden statt – das macht bisher über 1,35 Mio. ausländische Absolventen dieser Sprachkurse.

Sprachverband Deutsch für ausländische Arbeitnehmer e.V., Raimundistraße 2, 55118 Mainz

Telefon: 06131/96 444-0
Telefax: 06131/96 444-44
E-Mail: Sprachverband@T-Online.de
Internet: http://www.uni-mainz.de/Sprachverband

Petra Szablewski-Çavus, Sprachverband Mainz

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