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"Natürliche Geburt stärken und fördern"

Rede der Niedersächsischen Sozialministerin Cornelia Rundt

- Es gilt das gesprochene Wort -

„Zunächst einmal danke ich den Fraktionen von SPD und Bündnis `90/Die Grünen, dass sie mit diesem Entschließungsantrag ein sich in den vergangenen Jahren verstärkt zeigendes Phänomen aufgreifen.

Die Bertelsmann Studie von Prof. Petra Kolip belegt eindrücklich, dass die Kaiserschnittrate in Deutschland zu hoch ist.

Der heutige Entschließungsantrag „Natürliche Geburt stärken und fördern" greift die Kernaussagen der Studie auf:

  • Jedes 3. Kind in Deutschland kommt per Schnittentbindung auf die Welt - damit ist die Kaiserschnittrate doppelt so hoch wie vor 20 Jahren
  • In Niedersachsen beträgt die Rate zwischen 22 und 43 % und liegt im Mittel etwas über dem Bundesdurchschnitt.
  • Die WHO hält dagegen 15 % für plausibel und medizinisch angezeigt.

Wie im Antrag erwähnt, sind die Ursachen für die hohe Zahl an Schnittentbindungen vielfältig.

Sinnvoll ist es deshalb, Schwangere, aber auch Ärztinnen und Ärzte, Hebammen und Kliniken zu sensibilisieren und zu informieren. Andererseits sind die Rahmenbedingungen unter die Lupe zu nehmen, warum eine Schwangerschaft immer häufiger mit einem Kaiserschnitt endet.

Studien liefern Hinweise darauf, dass bei fehlender oder unzureichend gestellter medizinischer Indikation nach einem Kaiserschnitt häufiger gesundheitliche Probleme bei Mutter und Kind auftreten als nach einer natürlichen Geburt.

Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Niemand zieht in Zweifel, dass in einer geburtshilflichen Notsituation der Kaiserschnitt das Leben von Mutter und Kind retten kann.

Im Gegenteil: Der Kaiserschnitt verhindert bei ungünstigen Geburtsverläufen kindliche Mortalität und Morbidität.

Ich bin allerdings überzeugt, dass eine Operation - und nichts anderes ist ein Kaiserschnitt - tatsächlich nur in medizinischen Notfällen erfolgen sollte. Der Dienstplan eines Krankenhauses, rückläufige Geburtenzahlen oder ähnliches dürfen nicht ausschlaggebend für die Durchführung eines solchen Eingriffs sein. Hohe oder niedrige Kaiserschnittraten sind nach unseren Daten nicht abhängig von der Größe der Klinik bzw. der Anzahl der Entbindungen, nicht abhängig von der Trägerschaft und nur bedingt abhängig davon, ob es sich um Belegbetten handelt.

Der Antrag erwähnt lobend die angelaufene Kampagne zur Senkung der Kaiserschnittraten und zur Förderung der natürlichen Geburt. Lassen Sie uns kurz gemeinsam einen Blick auf die bislang in diesem Bereich konkret ergriffenen Maßnahmen werfen. Im Rahmen dieser Kampagne haben wir zunächst zwei zentrale Handlungsstränge aufgegriffen:

Erstens: Gespräche mit Chefärztinnen bzw. Chefärzten und leitender Hebamme verschiedener Geburtskliniken mit niedriger Kaiserschnittrate

Die Raten der einzelnen Kliniken werden bislang nicht veröffentlicht. Wir haben uns für ein Vorgehen im Sinne der Ermittlung von Best-Practice-Modellen entschieden. Dazu haben wir Gespräche mit verschiedenen Geburtskliniken mit sehr niedriger Kaiserschnittquote geführt und sie gefragt, was sie evtl. anders machen als andere. Erfolgversprechend in diesem Sinne kann ein Hebammenkreissaal sein, aber auch ein in der Geburtshilfe sehr erfahrenes Team aus Arzt bzw. Ärztin und Hebamme. Im Kern hat sich gezeigt, ein wichtiger Faktor ist in diesem Zusammenhang die Haltung der Leitung zur natürlichen Geburt.

Zweiter Handlungsstrang ist die verstärkte Sensibilisierung und Öffentlichkeitsarbeit in diesem Bereich: Zusammen mit einer Arbeitsgruppe aus Praxis, Wissenschaft und Verbänden unter der Federführung des Sozialministeriums haben wir eine niedersächsische Handreichung mit Informationen zur natürlichen Geburt erarbeitet, die im 1. Quartal veröffentlicht wird. Ergänzend arbeiten wir zurzeit an einem Internetauftritt mit vertieften Informationen für schwangere Frauen.

Mit den relevanten Akteurinnen und Akteuren im Bereich Schwangerenvorsorge, -beratung und Geburtshilfe war ich mir im letzten Jahr in einem Werkstattgespräch im Ministerium einig, dass die Kaiserschnittrate zu hoch ist. Wir haben daher ein gemeinsames Vorgehen zur Förderung der natürlichen, also vaginalen Geburt beschlossen.

Ebenfalls bestand Einigkeit, dass das Thema mehrdimensional ist und vieles, aber nicht alles auf Landesebene bewegt werden kann.

Wichtig sind aber zwei Aspekte: Einmal die Herstellung von Transparenz bezüglich der unterschiedlichen Sectio-Raten in den einzelnen Kliniken. Vor diesem Hintergrund ist die Sensibilisierung in der vorgeburtlichen Beratung umso wichtiger. Zielgruppen sind hier niedergelassene Gynäkologinnen und Gynäkologen, Beratungsstellen sowie Hebammen, auf deren Wort schwangere Frauen hören und vertrauen. Ihr Einfluss ist auf den späteren Geburtsverlauf erheblich.

Manche Themen sind auch auf Bundesebene zu bewegen. Dazu kann ich Ihnen sagen, dass die Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenministerinnen und -minister der Länder (GFMK) Anfang Oktober auf Antrag Niedersachsens, NRWs und Bremens einstimmig einen Beschluss gefasst hat, der auch die Bundesebene zum Handeln auffordert. Insbesondere geht es dabei darum, Fehlanreize zulasten einer natürlichen Geburt zu verhindern und natürliche Geburten angemessen zu vergüten.

Außerdem wird das Bundesgesundheitsministerium gebeten, in Bezug auf das große Problem der auch für die Krankenhäuser gestiegenen Haftpflichtversicherungen, die derzeit diskutierten Lösungsansätze zu prüfen und einer nachhaltigen Lösung zuzuführen.

Darüber hinaus fordern wir die Weiterentwicklung und Aktualisierung der Leitlinien mit allen beteiligten Fachverbänden."

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